Sie ist′s; gefunden hab′ ich sie, die Stelle,

Die Sokrates zum Ruh′n sich gern erlas;

Vom Felsenhange rieselt kühl die Quelle,

An der er oft mit Phädrus saß.

 

Hier sprach der Weise von dem Ew′gen, Einen,

Der Sonne, die um Mittag immer steht,

Indessen schnell im flüchtigen Erscheinen

Die Welt der Sichtbarkeit vergeht.

 

Als ob er eines Gottes Nahsein ahne,

Lieh andachtvoll sein Liebling ihm das Ohr;

Ob ihren Häupten rauschte die Platane

Zu der Cikaden Sommerchor.

 

Theater lagen, Tempel, Siegesbogen

Und Säulenreihn endlos vor ihnen da,

Und murmelnd aus der Ferne scholl das Wogen

Des Volkes von der Agora.

 

Und nun? Im Schutte, der mit seinem Volke

Und seinen Göttern Griechenland begräbt,

Wo blieb Athen? Geh! frag die Staubeswolke,

Die wirbelnd sich vor dir erhebt!

 

Umsonst hoch von der Burg herab beschützte

Der Pallas helmgeschmücktes Riesenbild,

Das fern den Schiffern schon entgegenblitzte,

Die hehre Stadt mit goldnem Schild.

 

Verstummt der Rennbahn Lärm, die Siegspäane,

Der Opferzug durchs hohe Säulenthor!

Nur über mir noch säuselt die Platane

Zu der Cikaden Sommerchor.


Das Gedicht "Bei Athen" stammt von   (1815 - 1894).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte