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Sebastian im Traum


Für Adolf Loos

 

 

1

 

Mutter trug das Kindlein im weißen Mond,

Im Schatten des Nußbaums, uralten Holunders,

Trunken vom Safte des Mohns, der Klage der Drossel;

Und stille

Neigte in Mitleid sich über jene ein bärtiges Antlitz

 

Leise im Dunkel des Fensters; und altes Hausgerät

Der Väter

Lag im Verfall; Liebe und herbstliche Träumerei.

 

Also dunkel der Tag des Jahrs, traurige Kindheit,

Da der Knabe leise zu kühlen Wassern, silbernen Fischen hinabstieg,

Ruh und Antlitz;

Da er steinern sich vor rasende Rappen warf,

In grauer Nacht sein Stern über ihn kam;

 

Oder wenn er an der frierenden Hand der Mutter

Abends über Sankt Peters herbstlichen Friedhof ging,

Ein zarter Leichnam stille im Dunkel der Kammer lag

Und jener die kalten Lider über ihn aufhob.

 

Er aber war ein kleiner Vogel im kahlen Geäst,

Die Glocke lang im Abendnovember,

Des Vaters Stille, da er im Schlaf die dämmernde Wendeltreppe hinabstieg.

 

 

2

 

Frieden der Seele. Einsamer Winterabend,

Die dunklen Gestalten der Hirten am alten Weiher;

Kindlein in der Hütte von Stroh; o wie leise

Sank in schwarzem Fieber das Antlitz hin.

Heilige Nacht.

 

Oder wenn er an der harten Hand des Vaters

Stille den finstern Kalvarienberg hinanstieg

Und in dämmernden Felsennischen

Die blaue Gestalt des Menschen durch seine Legende ging,

Aus der Wunde unter dem Herzen purpurn das Blut rann.

O wie leise stand in dunkler Seele das Kreuz auf.

 

Liebe; da in schwarzen Winkeln der Schnee schmolz,

Ein blaues Lüftchen sich heiter im alten Holunder fing,

In dem Schattengewölbe des Nußbaums;

Und dem Knaben leise sein rosiger Engel erschien.

 

Freude; da in kühlen Zimmern eine Abendsonate erklang,

Im braunen Holzgebälk

Ein blauer Falter aus der silbernen Puppe kroch.

 

O die Nähe des Todes. In steinerner Mauer

Neigte sich ein gelbes Haupt, schweigend das Kind,

Da in jenem März der Mond verfiel.

 

 

3

 

Rosige Osterglocke im Grabgewölbe der Nacht

Und die Silberstimmen der Sterne,

Daß in Schauern ein dunbler Wahnsinn von der Stirne des Schläfers sank.

 

O wie stille ein Gang den blauen Fluß hinab

Vergessenes sinnend, da im grünen Geäst

Die Drossel ein Fremdes in den Untergang rief.

 

Oder wenn er an der knöchernen Hand des Greisen

Abends vor die verfallene Mauer der Stadt ging

Und jener in schwarzem Mantel ein rosiges Kindlein trug,

Im Schatten des Nußbaums der Geist des Bösen erschien.

 

Tasten über die grünen Stufen des Sommers. O wie leise

Verfiel der Garten in der braunen Stille des Herbstes,

Duft und Schwermut des alten Holunders,

Da in Sebastians Schatten die Silberstimme des Engels erstarb.


Georg Trakl
(* 03.02.1887, † 03.11.1914)




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