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Frühling der Seele


Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind,

Das Blau des Früblings winkt durch brechendes Geäst,

Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne.

Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen

Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit

Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel

In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.

 

Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,

Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig

Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.

Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel.

Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.

 

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,

Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht

Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.

 

Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung

Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;

Weiße unter wilder Eiche, und es blübte silbern der Dorn.

Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.

 

Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.

Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;

Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert

Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet

Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.

Stille blübt die Myrthe über den weißen Lidern des Toten.

 

Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag

Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind

Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.


Georg Trakl
(* 03.02.1887, † 03.11.1914)




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