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Abendländisches Lied


O der Seele nächtlicher Flügelschlag:

Hirten gingen wir einst an dämmernden Wäldern hin

Und es folgte das rote Wild, die grüne Blume und der lallende Quell

Demutsvoll. O, der uralte Ton des Heimchens,

Blut blühend am Opferstein

Und der Schrei des einsamen Vogels über der grünen Stille des Teichs.

 

O, ihr Krenzzüge und glühenden Martern

Des Fleisches, Fallen purpurner Früchte

Im Abendgarten, wo vor Zeiten die frommen Jünger gegangen,

Kriegsleute nun, erwachend aus Wunden und Sternenträumen.

O, das sanfte Zyanenbündel der Nacht.

 

O, ihr Zeiten der Stille und goldener Herbste,

Da wir friedliche Mönche die purpurne Traube gekeltert;

Und rings erglänzten Hügel und Wald.

O, ihrJagden und Schlösser; Ruh des Abends,

Da in seiner Kammer der Mensch Gerechtes sann,

In stummem Gebet um Gottes lebendiges Haupt rang.

 

O, die bittere Stunde des Untergangs,

Da wir ein steinernes Antlitz in schwarzen Wassern beschaun.

Aber strahlend heben die silbernen Lider die Liebenden:

Ein Geschlecht. Weihrauch strömt von rosigen Kissen

Und der süße Gesang der Auferstandenen.

 


Georg Trakl
(* 03.02.1887, † 03.11.1914)




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