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Geisterschau


Gleichwie an des Ades Thor

Wagend sich Odysseus setzte,

Die Gestorbenen beschwor,

Und mit Widderblut sie letzte;

 

Daß für das ersehnte Naß

Jeder seinen Spruch ihm gebe,

Daß zumal Teiresias

Ihm der Zukunft Schleier hebe:

 

So auch oft an dem Gestad

Meines Erebos, des Meeres,

Sitz´ ich, der Laertiad´

Eines luft´gen Todtenheeres.

 

Aber nicht durch Blut und Wein,

Ird´schen Stoff, bin ich ihr Meister;

Kraft des Willens sind sie mein:

Nur der Geist beschwört die Geister!

 

Aus des Geistes Tiefen quillt,

Was das Aug´ als Geister schauet;

Aus mir selber, kühn und wild,

Steigt empor, davor mir grauet.

 

Siehe, roth vom eignen Blut,

Kommen sie herangezogen,

Seelen derer, so die Flut

In das Todtenreich gezogen;

 

Kön´ge, denen aus der Hand

Sie das goldne Scepter spülte;

Mädchen, denen sie entbrannt

In den todten Reizen wühlte;

 

Schiffer, denen hundert Jahr

Wellen schon den Schädel netzen -

Wende dich, du düstre Schaar,

Denn es fasset mich Entsetzen!

 

Weh´! was hab´ ich euch gestört,

Schlumm´rer auf dem Grund der Meere!

Weh´, wo ist des Griechen Schwert,

Daß ich eurem Zürnen wehre!



(* 17.06.1810, † 18.05.1876)




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